Mit Fontane und Kleist im Geist

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Wir haben das Fontanejahr 2019 und ich dachte mir, da könnte ich doch auch einen kulturellen Beitrag für euch leisten. Beim Stöbern im Buch Wandern auf Fontanes Wegen, habe ich mich dann für diese entschieden. Wiedermal ein Ort, an dem ich noch nicht war und an dem ich etwas entdecken kann. So zum Beispiel auch das Grab von Heinrich von Kleist. Dazu später mehr. Nach den ersten schönen Bauwerken, Statuen, dem Konterfei von Bismarck empfing mich diese "Installation". Der Boden ringsherum war gespickt mit Müll und Glasscherben. Ein wirklich komisch absurder Einstieg in die Wanderung. Ab über die noch laute Brücke und die erste Straße rechts rein. Von nun an gibt es Villen, Segelvereine und moderne Architektur. An diesem Wochenende stehen noch viele Boote in Winterverkleidung auf dem Festland und warten beim strahlend blauen Himmel darauf endlich ins Wasser zu dürfen. Hier im städtischen Wannsee zu gehen, ist keinesfalls langweilig, sondern höchst spannend zu sehen, wie Menschen leben, die mehr als

genug Geld haben. Auch Max Liebermann hatte hier ein Sommerhaus, welches heute besichtigt werden kann (4. Bild in der Galerie). Nicht nur die schöne Anlage ist zu bestaunen, nein, auch Bilder von ihm sind zu sehen. Es ist gerade kurz nach 10 Uhr und damit bin ich an diesem Tag eine Stunde zu früh vor Ort. Macht nichts, ich komme wieder! Ein Stückchen weiter kommen wir dann an das "Haus der Wannsee-konferenz". Mit diesem grausamen Kapitel der deutschen Geschichte kann ich mich heute nicht beschäftigen, möchte es aber allen ans Herz legen. Das Gebäude und die Ausstellung sind kostenfrei zu besichtigen. Ich werde mich der Sache wohl noch einmal im Zusammenhang mit der Liebermann-Villa widmen. Kurz danach kommen wir zum Flensburger Löwen (interessante Infotafel!) und endlich ans Wasser und ins Grüne. Von hier an haben wir fast den restlichen Tag auf unserer rechten Seite Wasser und zur linken Seite einen erhöhten Wald, der von der Sonne durchflutet wird.

An dieser Stelle habe ich tatsächlich etwas Fernweh bekommen. Ich musste irgendwie sofort an Dänemark, die Flensburger Förde und den von mir mehrmals begangenen Gendarmstien denken. Wie passend, dass ich vorher am Flensburger Löwen vorbei gekommen bin. Auf jeden Fall denkt man bei diesem Anblick nicht unbedingt an das Berliner Stadtgebiet. Das ist eines der schönen Dinge am Wandern, man wird immer wieder positiv überrascht. An diesem Punkt hatte ich schon einige Kilometer hinter mir und habe diesen Ausblick von einem Steg aus genossen. Hier ist auch eine der Badestellen gewesen, an denen es in der warmen Saison Rettungsschwimmer gibt. Beim Nachwandern im Sommer also Badesachen einpacken. So eine Abkühlung ist doch immer etwas Schönes. Nur noch wenige Meter bis zur Fähre auf die Pfaueninsel. Für 4 € kommt ihr auf das Eiland und zurück. Eine lohnende Ausgabe. Nun mal Fontanes Eindrücke zu Pfaueninsel.

Theodor Fontane, Wanderung durch die Mark Brandenburg, Band 3

 

"Pfaueninsel! Wie ein Märchen steigt ein Bild aus meinen Kindertagen vor mir auf: ein Schloß, Palmen und Känguruhs; Papageien kreischen; Pfauen sitzen auf hoher Stange oder schlagen ein Rad, Volièren, Springbrunnen, überschattete Wiesen; Schlängelpfade, die überall hinführen und nirgends; ein rätselvolles Eiland, eine Oase, ein Blumenteppich inmitten der Mark."

 

Den Ruf der Pfauen habe ich bereits beim Anmarsch auf die Fähre vernehmen können. Dieser ist mir aus meiner Kindheit gut bekannt. Wer in der Nähe des Eberswalder Zoo´s aufwächst, lernt eine Menge tierische Rufe auseinanderzuhalten. Insgesamt habe ich an diesem Tag 2 herumlaufende Pfauen gesehen und noch mehr gehört. In der Voliere gab es natürlich auch noch welche zu bestaunen. Die Insel habe ich hauptsächlich umlaufen und bin nur stellenweise auf die Mittelwege gegangen. Auf diese Weise konnte ich alle Bauwerke begutachten. Besonders gut hat mir die Meierei und der angrenzende Wirtschaftshof gefallen. Generell ist hier alles wie aus einer längst vergangenen Zeit. Eine richtige Märchenwohlfühlinsel. Überall Bänke, eine Liegewiese und viele kleine Wege zum Lustwandeln. Wäre ich Berliner, hätte ich sicherlich eine Dauerkarte für die Fähre. Von der Ostseite der Insel hat man einen guten Blick auf den Grunewald und die ehemalige Abhöranlage auf dem Teufelsberg. Dazu mache ich

Frühling Theodor Fontane

 

Nun ist er endlich kommen doch

in grünem Knospenschuh.

"Er kam, er kam ja immer noch",

die Bäume nicken sich′s zu.

 

Sie konnten ihn all erwarten kaum,

nun treiben sie Schuß auf Schuß;

im Garten der alte Apfelbaum

er sträubt sich, aber er muß

 

 

 

Wohl zögert auch das alte Herz

und atmet noch nicht frei,

es bangt und sorgt: "Es ist erst März,

und März ist noch nicht Mai."

 

O schüttle ab den schweren Traum

und die lange Winterruh′,

es wagt es der alte Apfelbaum,

Herze, wag′s auch du!


sicherlich auch noch einmal etwas. Selbstverständlich hatte ich passend zum Thema ein veganes Schaumsüppchen von Hopfen und Gerste dabei. Dieses lecker Getränk gibt es im Barnimer Brauhaus und ist für heute der ideale Pausendurstlöscher. Den Playmobil-Fontane habe ich leider nicht bekommen, ansonsten hätte der mich heute auch begleitet. Im Hintergrund ist das Schloss der Pfaueninsel zu sehen, welches von Anfang an als romantische Ruine geplant war. Unten in der Galerie könnt ihr die meisten der Gebäude der Insel sehen. Darunter auch das Kavalierhaus, welches 1824/1825 von Karl Friedrich Schinkel neugestaltet wurde. Nach dem Schloss waren es nur noch wenige Meter zur Fähre. Die Wartezeit belief sich auf gerade 2 Minuten, denn auf der anderen Seite stand schon eine Unmenge an Menschen, die begierig warteten und reif für die Insel waren. Ich gönnte mir im Wirtshaus eine kleine Stärkung und bin weiter am Wasser entlang und lauschte den Vögeln. Dabei führte mich mein

Weg wieder über historische Wege. Seit dem ich wieder runter von der Insel bin, führt mich der Berliner Mauerweg. Der Mauerweg ist im übrigen eine tolle Möglichkeit Berlin zu erkunden. Ich habe bereits den Mauerweg genutzt um meinen Mitmenschen Berlin zu zeigen. Angefangen am S-Bahnhof Warschauerstr. entlang des Mauerweges bis zum S-Bahnhof Bornholmer Straße. Auf diesem Weg sind viele für Berlin typische Sehenswürdigkeiten (Eastside Gallery, Checkpoint Charlie, Brandenburger Tor, Potsdamer Platz, die Bernauer Straße als Gedenk- und Erinnerungsort der innerdeutschen Grenze). Das ich heute auf diesem Weg gehe, war für mich eine kleine Überraschung. Wo dieser Weg in West-Berlin verläuft, hatte ich noch nicht erkundet. Er ist aber durch die ganze Stadt durch diese Schilder zu verfolgen. Auf meinem Weg sehe ich inzwischen viele Ausflügler. Picknick, Fahrrad fahren, innehalten und Spaziergänger in Hülle und Fülle. Auch die Natur ist in Bewegung und wach. Zitronenfalter habe ich heute 3

Stück gesehen und jede Menge Feuerwanzen. Allesamt Frühlingsboten. Ab diesem Wegstück hier machte sich ein anderer Frühlingsbote in meiner Nase bemerkbar. Ein leichter und frischer Duft von Knoblauch. Es ist also wieder Bärlauchzeit. Je weiter ich ging, desto intensiver der Duft. Ein Stückchen weiter traf ich ein Paar, dass gerade mit dem Pflücken dieser leckeren Pflanze beschäftigt war, was das Aromaspektrum noch erweiterte. Wandern ist ebend etwas für alle Sinne. Irgendwann bin ich dann von meinem geplanten Weg herunter und habe ihn im Glienicker Park fortgesetzt. Die Neugierde war zu groß, wie es da oben (Anstieg links) aussieht. Hinter dem Schloss Glienicke entlang kam ich wieder auf meinen eigentlichen Weg. Für das Schloss blieb mir heute auch leider keine Zeit. Nach dem ich Klein Glienicke hinter mir gelassen habe und auf der Berliner Seite geblieben bin, kam der Wald und der Mauerweg führte anderswo weiter. Bis zum Hotel Forsthaus hatte ich dann einen schönen Höhenweg am Waldrand

und konnte Brandenburger Villen aus der Ferne betrachten und zwischen uns lag der Griebnitz See. An dessen Ende überquerte ich den Prinz-Friedrich-Leopold-Kanal und wandte mich von der Wannsee-Insel ab. Im Folgenden durchquerte ich ein ruhiges und relativ trockenes Waldgebiet. Hier stehen Nadelbäume und das kann man sofort riechen. Für mich ein sehr schöner und angenehmer Duft und dazu endlich mal keine Menschen mehr. Wenn man sonst viel in Brandenburgs Wäldern unterwegs ist, können einen diese Berliner Menschenmassen ganz schön verschrecken. Inzwischen ist mir ziemlich warm und ich habe Durst. Gut, dass ich immer genügend Wasser mitnehme. In diesem Fall habe ich in 2 Zügen einen ganzen Liter in mich aufgenommen. Nach den festen und teils asphaltierten Wegen ist der weiche Waldboden auch für meine Füße eine Wohltat. Die S-Bahn fährt eben an mir vorbei und ich weiß, es nicht mehr weit. Also Kopf hoch, Brust raus und weiter.

Am Ende des Waldstücks komme ich in die Bismarckstraße. Das war wie ein harte Szenenwechsel im Film. Eben noch Natur und Vogelgezwitscher und jetzt Villa an Villa und "Schloss" an "Schloss". Noch so eine Ecke, in der ich das Gefühl bekomme Geld zahlen zu müssen, um atmen zu dürfen. Gefühlt sind manche Grundstücke größer als die Pfaueninsel. Dann wieder ganz normale Wohnhäuser und Menschen, die ganz abgeschieden und unerkannt wohnen wollen. Mein Ziel vor Augen steuere ich das Grab von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel an. Kleist hat sich und Henriette (seine Begleitung an diesem Tag) dort erschossen, nachdem sie Kaffee, Kuchen, Wein & Rum genossen hatten. Er verzweifelte an Geldsorgen und mangelndem Zuspruch seiner Arbeit und sie litt unter einem Krebsleiden und so wählten beide an diesem Ort den Freitod. Einige Tage später wurden sie genau an diesem Ort begraben und können noch heute besucht werden. Auch Fontane ist hier lang gekommen und schreibt in seinem Buch "Fünf Schlösser" in Kapitel 71 folgendes:

 

"2. Kleists Grab

Ein noch größeres Interesse weckt das etwa 1000 Schritt von Dreilinden unmittelbar am kleinen Wannsee gelegene Grab von Heinrich von Kleist. Erst der Prinz erwarb diesen Uferstreifen. Die Stätte selbst ist seit Eröffnung der in geringer Entfernung vorüberführenden Grunewaldbahn eine vielbesuchte Pilgerstätte geworden, und in schöner Jahreszeit vergeht wohl kein Nachmittag, an dem nicht Sommervergnüglinge von Station Neu-Babelsberg her aufbrechen, um, am Wannsee hin ihren Weg nehmend, dem toten Dichter ihren Besuch zu machen."

 

Nun sind es nur noch wenige Meter bis zum (S-)Bahnhof Wannsee und meine Tour endet. Ich werde in diesem Jahr noch weitere Wanderungen durch die Mark Brandenburg auf Fontanes Spuren machen und euch berichten. Zum Abschluss noch 2 kleine Gedichte von Heinrich von Kleist.

Jünglingsklage

 

Winter, so weichst du,
Lieblicher Greis,
Der die Gefühle
Ruhigt zu Eis.
Nun unter Frühlings
Ueppigem Hauch
Schmelzen die Ströme –
Busen, du auch!

 

Heinrich von Kleist

An S. v. H.

 

Das Blümchen, das, dem Tal entblüht,
Dir Ruhe gibt und Stille,
Wenn Krampf dir durch die Nerve glüht,
Das nennst du die Kamille.
Du, die, wenn Krampf das Herz umstrickt,
O Freundin, aus der Fülle
Der Brust mir so viel Stärkung schickt,
Du bist mir die Kamille.

 

Heinrich von Kleist


14,03 Meilen * 1,6 = 22,5 Kilometer

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